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Der Mann mit den glasklaren Produkten

Wie Alfred Thiele aus Sachsen Einkaufszentren und Fußballstadien glänzen lässt.

Der Quader in der Werkhalle ist beeindruckend. Fast mannshoch, grünlich schimmernd, armdick, schusssicher und deshalb tonnenschwer. Alfred Thiele wirft nur einen kurzen Blick – und ist beeindruckend unbeeindruckt. „Das ist halt Sicherheitsglas“, sagt er trocken. Der Glasquader wird in naher Zukunft in eine deutsche Botschaft auf einem anderen Kontinent eingebaut. Die Bestimmungen und Schutz-Standards lassen beim Produkt wenig Spielraum. „Das kann im Prinzip jeder“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Wermsdorfer Thiele Glas Werk GmbH.

Für Koketterie ist der 51-jährige gebürtige Schwabe nicht der Typ. Alfred Thiele tritt freundlich-nüchtern, aber unbedingt verbindlich auf. Sicher: Auch solch einen Auftrag muss man erst einmal bekommen. Doch dafür ist die gesamte Unternehmensgruppe, deren Verwaltung im sächsischen Körlitz insgesamt sieben Standorte betreut, mittlerweile gewichtig genug: Mit 480 Mitarbeitern erwirtschaftete die Thiele AG 2012 einen Jahresumsatz von gut 55 Millionen Euro. Wermsdorf ist dabei mittlerweile der größte Standort der 1989 im baden-württembergischen Schrozberg gegründeten Gruppe. Aktuell, sagt Alfred Thiele, arbeiten hier rund 180 Mitarbeiter und erzielten 2012 einen Umsatz von 21 Millionen Euro. Und in Wermsdorf, ursprünglich nur als Werk für Verbundsicherheitsglas konzipiert, wird inzwischen die gesamte Produktpalette des Flachglasveredlers hergestellt. Deren Bandbreite reicht von schusssicheren Riesen-Quadern bis zu filigran geformten und digital bedruckten Einzelscheiben. In einem Ständer stehen, etwas versteckt am Rande der Halle, Scheiben in Lokomotiven-Form, die in jedem Kindergarten Freudenschreie auslösen würden. „Da haben wir mal ein bisschen rumprobiert“, sagt Alfred Thiele – und für einen kurzen Moment schleicht sich Stolz in den ansonsten ungerührten Gesichtsausdruck des Managers.

Denn im Rum- und Ausprobieren liegt für Alfred Thiele ein großer Reiz seines Unternehmer-Daseins. Ausschließlich schnell und preiswert Standardprodukte in großen Mengen zu fertigen, ist seine Sache nicht. Lieber ist der gelernte Flachglasveredler auf der Suche nach der Nische. „Ich bin überzeugt, dass man bis zu einem gewissen Grad auch mit einem Angebot eine Nachfrage schaffen kann“, sagt Thiele. So können in Wermsdorf Gläser mit einer Höhe von mehr als drei Metern und einer Breite von mehr als neun Metern bearbeitet werden. Sichtlich stolz ist Thiele auch auf eine Anlage, mit der Glasscheiben fotorealistisch bedruckt werden können. Anwendung findet diese Technik unter anderem mitten in der Leipziger Innenstadt, an den Höfen am Brühl. Für das Einkaufszentrum lieferte Thiele rund 2.900 Quadratmeter Glasfassade, aufgeteilt auf mehr als 700 Einzelscheiben. Deren Clou: Die Silhouette der gegenüberliegenden Gebäude spiegelt sich nicht nur, sondern ist – ebenso wie prominente Köpfe der Leipziger Geschichte - auch halbtransparent aufgedruckt.

Ein anderes der vielen Referenzobjekte ist etwa das Green-Point-Stadion am Fuße des Tafelbergs im südafrikanischen Kapstadt, das Thiele Glas zur Fußball-WM 2010 mit fast 40 000 Quadratmetern Flachglassegmenten ausrüstete. Hier, erinnert sich Alfred Thiele, sei weniger das Produkt als vielmehr die Logistik die Herausforderung gewesen. „Wir hatten hier in Wermsdorf mehr als 80 große Container Glas so einzupacken und zu sortieren, dass sie vor Ort nur noch ausgepackt und montiert werden mussten.“ Die Wertschöpfung für die Region blieb dabei nicht allein bei Thiele hängen: Die Holzkisten, in denen das Glas sicher auf Reise gehen konnte, baute ein Tischler aus dem Wermsdorfer Nachbarort Luppa.

Auf die Verankerung seines Unternehmens in der Region achtet Alfred Thiele ganz bewusst – nicht nur, weil er selbst den größten Teil seiner Arbeitszeit zwischen den einzelnen Standorten, Kundenterminen und Messeauftritten auf Achse ist. „Für mich ist es fast egal, von welchem Büro ich arbeite“, sagt Thiele. Jeder einzelne Standort füge sich aber dort ein, wo er steht. Das Werk in Wermstorf, das sein Glas etwa überwiegend aus Torgau bezieht, feierte vergangenes Jahr sein zehnjähriges Bestehen – und unterstützt Schulen und Vereine in der Region.

Bei allem Mut zur Nische und bei allem Engagement, betont Thiele, sei er dennoch Kaufmann genug, stets darauf zu achten, dass sich eine Sache rechne. Das, sagt der Schwabe, müsse sich mitnichten nur materiell ausdrücken. Vom gegenseitigen Geben und Nehmen hält er in jeder Beziehung viel. Sei es, dass die Schüler, die über ihre Schule das Werk in Wermsdorf kennenlernten, eines Tages als Azubis vor der Tür stünden. Oder dass Planer und Architekten, über die in der Branche der Großteil der Aufträge hereinkommt, sich beim nächsten spannenden Projekt an die Flexibilität und die professionelle Abwicklung der Wermsdorfer erinnern. Bis dahin kann Thiele auch hervorragend mit Sicherheitsglas-Quadern leben.


Quelle: Sächsische Zeitung, Donnerstag, 25.04.2013, Autor: Lars Radau

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